Die Geschichten „Die Siedlung des Goldes“ und „ Stadt ohne Namen“ bilden die nächsten Erzählungen (nach den beiden in Follow 425) die zum Festplot 2015 führen.

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Verbrechen stinkt nicht. So oder ähnlich hatte ein Sprichwort gelautet, das sich Tezkatl gemerkt hatte.

Das mochte gestimmt haben, bis er sich an diesem Morgen der großen Ruine des Alexius näherte und jener Siedlung, die binnen Tagen darum entstanden war. Ein seltsamer Geruch kam ihm entgegen. So ähnlich mochte es in der Stadt der Eisenbarone in der Estlichen Welt riechen, wo man angeblich die Luft mit dem Dolch schneiden konnte.

Und dann tauchten die ersten Hütten auf beiden Seiten auf, es waren keine festen Bauten, aber ihr unterschiedlicher Stil zeigte dem jungen Kundschafter, wie viele verschiedene Gruppen bereits eingetroffen waren.

Eine der Gruppen war offensichtlich jene, welche direkt aus den Chaos-Marken kam. Das Cron Ma Mitglied registrierte, das viele von ihnen reinblütige Hua wie er waren. Wie konnten sie sich zu Helfern von Gesetzesbrechern machen? Andererseits: Sie stammten aus der Region und waren nicht im Reich aufgewachsen.

Plötzlich versperrte ihm ein älterer Mann in der Kleidung eines Gelehrten den Weg. »Wir haben den Protector um Hilfe gebeten? Und was schicken sie? Einen einzigen Kundschafter?«

»Es ist auch nur eine Siedlung, ehrenwerter Herr.«

»Ich bin Polydorus Ascipio, Heiler und Sprecher der anständigen Menschen in dieser Ansammlung von Hütten. Seit ihr der Bote des Protectors?«

»Ich soll mich nur umschauen. Scheint eine interessante Stadt zu sein.«

Er schien den Heiler nicht davon überzeugt zu haben, aber schließlich nickte er. »Ihr könnt im Krankenquartier übernachten. Keine Sorge, es gibt noch keine ansteckenden Krankheiten. Ist das euer Lieblingspferd?«

»Nein, warum fragt ihr das?«

»Weil ich euch raten würde es für einen guten Preis zu verkaufen, denn andernfalls wird man es euch unter dem Hintern wegstehlen.«

»Sorgt hier niemand für Ordnung?«

»Noch hat sich kein Oberhaupt für diese Gemeinde gefunden, jede Gruppe handelt für sich. Und manche sind nicht gerade Freunde des Reiches, so wie die da.« Er wies in eine bestimmte Richtung.

»Aber das sind doch Choson?«

»Wen kümmert es? Eigentlich hatte ich gedacht, dass sie irgendwo jenseits der Berge ihr Reich haben. Aber überall sehe ich welche.«

Tezkatl hatte der Heiler nicht überzeugt. Den Choson konnte man halbwegs trauen. Zumindest würden sie keinen offenen Konflikt riskieren. Allerdings hörte er in einem anderen Punkt auf den Ratschlag des Heilers und verkaufte sein Pferd. Der Preis war so immens, dass sich innerhalb von wenigen Augenblicken mehrere Damen eines gewissen Gewerbes um seine Gunst und seinen Beutel mit Gold bemühten. Er wimmelte sie sehr geschickt ab.

Sein Ziel war dagegen eine Schmiede, die erst ein oder zwei Tage aufgebaut war. Eigentlich hatte der Schmied gehofft, nie wieder sein altes Handwerk auszuüben, aber Amris hatte seine Exactori genau angewiesen, welche Art von Fassade sie aufrecht halten sollten. »Dieser Heiler hat recht, was die Gruppen angeht. Noch ist alles ruhig, aber wenn es hier wirklich losgeht, werden meine freien Kollegen genug zu tun bekommen, und damit meine ich nicht in der Schmiede.«

Während der Schmied noch sprach, sah Tezkatl von Nor her Staub und wenig später eine kleine Reihe von Wagen herankommen. Er ging ihnen vorsichtig entgegen und konnte bald erkennen, dass sie mit Sachen beladen waren, die man für eine neuentstandene Siedlung in den Bergen brauchen konnte; Zeltstoff, Schaufeln, Salz und alle möglichen anderen Sachen.

Das mochte noch wie eine harmlose Ladung aussehen, bis man auf das Wappen schaute, das an jedem der Wagen prangte, von den schwerbewaffneten Wächtern ganz zu schweigen. 

Der Mann aus Tarcy hatte seine Finger nach der Siedlung ausgestreckt.

Die Siedlung des Goldes

Jens Kosch + Uwe Gehrke

Berlin-Hannover, Oktober 2014